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Musikalische Bildung und Musikvermittlung durch die Medien: Bericht über die Arbeitstagung 2007

24.10.2007

Musikbezogene Medienpädagogik und Medienpräsenz waren die inhaltlichen Ausgangspunkte für die Jahresarbeitstagung 2007 des Bayerischen Musikrates. Im unmittelbaren Gedankenaustausch mit medialen Entscheidungsträgern gab es die Gelegenheit, sowohl die Wünsche der ausübenden und schaffenden Musiker/innen an die Medien heranzutragen als auch die Erfordernisse für eine musikbezogene Medienarbeit darzustellen. Flankierend dazu bestand in den Arbeitskreisen die Möglichkeit, unter Anleitung von Medienexperten praktische Beispiele und Aufgaben zur Medien- und Öffentlichkeitsarbeit zu behandeln sowie best practice-Beispiele erfolgreicher Medienarbeit Mitgliedsverbände und –institutionen bei der Tagung zu präsentieren.


Beispielgebend hierfür ist insbesondere die Medienarbeit der Hofer Symphoniker (www.hofer-symphoniker.de), des Bayerischen Jazzinstituts (www.bayernjazz.de)  und des Verbands Bayerischer Sing- und Musikschulen (www.VBSM.de), dessen Spezialistin für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Susanne Lehnfeld M. A., die Vorstellung der best practice-Beispiele moderierte. Sie, wie auch die Vertreterinnen der beiden anderen genannten Institutionen, gaben hilfreiche Tipps und weiterführende Anregungen, welche auch von anderen Verbänden angewandt werden können. Wesentliche Aspekte hierbei waren die Möglichkeit, Kommunikationsstrategien der Wirtschaft auf kulturelle Themen zu übertragen, einen präzisen Zeit- und Maßnahmenplan für die Öffentlichkeitsarbeit zu erarbeiten und einzuhalten, regelmäßig persönliche Kontakte zu Medienpartnern zu pflegen und diese zielgruppengenau anzusprechen. Wichtig ist überdies die Erfolgskontrolle nach Abschluss einer Aktion.

Nach der Begrüßung der Tagungsgäste durch den Präsidenten des Bayerischen Musikrats Wilfried Hiller würdigten Landtagsabgeordnete Angelika Schorer, MR Michael Weidenhiller (Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus) sowie RD Dr. Dirk Wintzer (Bayerisches Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst das Engagement des Bayerischen Musikrates und unterstrichen die Wichtigkeit des Themas für die Jahresarbeitstagung. In seinem Impulsreferat stellte Hörfunkdirektor Dr. Johannes Grotzky die Bedeutung der Musik in den fünf terrestrischen Wellen des Bayerischen Rundfunks (www.br-online.de)  wie auch auf den digitalen Sendeplätzen hervor, erläuterte u. a. spezielle Sendekonzepte zur Musikvermittlung für junge Hörer und hob das ARD-weit beispielhafte Engagement des BR im Unterhalt der Klangkörper (2 Symphonieorchester und 1 Konzertchor) und für die zeitgenössische Musik (musica viva) hervor.

Zweiter Impulsreferent war der Präsident der Landeszentrale für Neue Medien Prof. Dr. Wolf-Dieter Ring (www.blm.de) , der u. a. darauf hingewiesen hat, dass sich der Begriff in den 1980er-Jahren auf die privaten Sender bezogen, mittlerweile jedoch Änderungen und Erweiterungen durchlaufen hat. Eine besondere Bedeutung kommt inzwischen der Musikprogrammierung zu, wobei Prof. Ring kritisch anmerkte, dass hierbei in der Programmierung der BR-Sender Bayern1 und Bayern3 gleiche Marktmechanismen Anwendung finden wie bei den zur BLM zugehörigen Anbietern. Prof. Ring unterstrich ferner die Bedeutung eines regional und dezentral ausgerichteten Programmangebots, welches im Hinblick auf die Vermittlung und Verarbeitung von Musikinformationen durch das Internet als zentralem und auch zukunftsweisenden Musikinformationsmedium ergänzt wird. Er empfahl in diesem Zusammenhang, auch für die musikalische Bildung regionale Internetplattformen einzubeziehen und regte die Zusammenarbeit mit Anbietern aus den Reihen der BLM an.


Eine Podiumsdiskussion widmete sich neuen Formen der Musikvermittlung in Presse/Verlagswesen, Hörfunk und Film/Fernsehen; die Vertreter hierfür waren Theo Geißler (Neue Musikzeitung/ConBrio-Verlag), Jürgen Seeger (Bayerischer Rundfunk) und Laszlo Molnar (Bayerisches Fernsehen). Geißler problematisierte hinsichtlich der Printmedien erkennbare Tendenzen zu Qualitätsverlusten und überproportionaler Gewichtung ökonomischer Kriterien und gab zu bedenken, dass die Geringschätzung von Inhalten, die sich nicht nach dem materiellen Wert rechnen, zur Abwertung, ja sogar Entwertung des Eigenwertes von Kreativität führt. Seeger erläuterte die Umsetzung der Programmreform von Bayern4Klassik, die anfangs durchaus kontrovers diskutiert worden ist, mittlerweile von den Hörern aber sehr gut angenommen wird. Zahlreiche neue Vermittlungsformen sind eingeführt worden, die sich speziell an ein junges Publikum wenden, so beispielsweise die Sendungen „DoReMicro“ oder „19.4“. Darüber hinaus gibt es regelmäßig jeden Mittwoch um 6:40 Uhr den Sendeplatz für ein Kinderthema. Hinzu kommen BR-eigene Musikveranstaltungen für Jugendliche wie z. B. das Projekt „Klasse Klassik“, welches Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit bietet, mit Dirigenten und Musikern der Orchester des Bayerischen Rundfunks zu musizieren. Molnar rückte die besondere Bedeutung der Zeitsouveränität in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen, welche das Verhalten von Rundfunkhörern und Fernsehzuschauern zunehmend bestimmt – mit erforderlichen weitreichenden Konsequenzen für das Angebot der Sender, welches eine Erweiterung im Internet mehr und mehr notwendig macht. Bezogen auf den Musikbereich verwies er auf die Angebote im 3. Programm des Bayerischen Fernsehens sowie in BR-alpha, darüber hinaus auf die Beteiligung des Bayerischen Fernsehens bei Sendungen in 3SAT und Arte. Er unterstrich, dass Musiksendungen Geschichten erzählen und lebendige Emotionen vermitteln sollen und warb zugleich um Verständnis dafür, dass sich ein Massenmedium wie das Fernsehen einer Orientierung am Publikum nicht verschließen kann. Während im Print-Bereich den Zeitungen relativ viel Platz für das Feuilleton zur Verfügung steht und auch der Hörfunk zahlreiche Sendeplätze für Musikbeiträge vorhält, sind die Möglichkeiten für musikspezifische Fernsehsendungen sehr begrenzt.

Die multimediale Aufbereitung von musikwissenschaftlichen Fakten im Internet stellte Dr. Ulrich Leisinger von der Internationalen Stiftung Mozarteum in Salzburg vor. Dort leitet er das Projekt „Mozart online“, welches jedem User ermöglicht, den gesamten Notentext der Neuen Mozart-Gesamtausgabe im Internet abzurufen. Zugleich ist es möglich, parallel zum Notentext unterschiedliche Fassungen einzusehen, das Autograph zu lesen, den kritischen Bericht zu konsultieren und überhaupt durch zahlreiche Such- und Filterfunktionen rasch an gezielte Informationen zu Mozarts Schaffen zu gelangen (www.nma.at).  

Eine zweite Präsentation von Musikvermittlung durch die neuen Medien zeigten Fritz Lauterbach und Dr. Michael Schmidt, die an der Hochschule für Musik und Theater München den Genre übergreifenden Studiengang „Musikjournalismus im öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk“ betreuen (http://www.musikjournalismus.info/) Hier werden die Bereiche von Hörfunk, Online, Fernsehen und PR behandelt – PR und Journalismus schließen sich also im Gegensatz zu früheren Zeiten keineswegs mehr aus. Zu den Themenschwerpunkten gehören PodCast („Radio zum Mitnehmen“) im Hörfunkbereich, Exposé und Pitching (Nachstellen von Situationen, wenn ein Autor einen Beitrag anbieten möchte) im Fernsehen sowie die Herstellung von Online-Features.

 


Die Arbeitskreise gliederten sich in die Bereiche Fernsehen, Hörfunk/Multimedia und Print und beschäftigten sich mit der Fragestellung „Was benötigen die Medien von den schaffenden und ausübenden Musiker/innen – welche Wünsche haben die ausübenden und schaffenden Musiker/innen an die Medien?“ Im Hinblick auf das Fernsehen wies Arbeitskreisleiter Laszlo Molnar darauf hin, dass aufgrund der nur begrenzt zur Verfügung stehenden Sendeplätze besonderes Augenmerk darauf zu richten ist, dass eigene Anliegen auf den Aufmerksamkeitswert hin zu untersuchen. Darüber hinaus gilt es, das komplexe Zusammenwirken von Bild, Wort und Ton zu berücksichtigen. Die Musikvermittlung gegenüber den Medien sollten die Musiker/innen daher mit derselben Sorgfalt vornehmen, wie sie ihre eigene künstlerische Arbeit oder ihren Unterricht gestalten. Am aussichtsreichsten ist die Berücksichtigung von Musikangeboten innerhalb der aktuellen Berichterstattung. Zugleich ermunterte Molnar die Tagungsteilnehmer, Redakteure bestimmter Sendungen wie z. B. „Menschen in Bayern“ anzusprechen und zu versuchen, das eigene Angebot auf solche Sendungen hin abzustimmen. Zum Thema „Hörfunk und Multimedia“ unterstrich Dr. Michael Schmidt als Leiter des entsprechenden Arbeitskreises die Bedeutung von PodCasts als wichtiges mediales Instrument, um insbesondere junge Menschen an Musik heranzuführen. Darüber hinaus hob er die Wichtigkeit hervor, dass Musik in Sendebeiträgen nicht nur funktional eingesetzt wird, sondern in unmittelbarer Kongruenz zu den Inhalten steht. Der Arbeitskreis 3 unter der Leitung von Andreas Kolb (Neue Musikzeitung - www.nmz.de) beschäftigte sich mit den Möglichkeiten einer integrierten Pressearbeit durch die Einbeziehung verschiedener Arten von Printmedien bis hin zu auf den ersten Blick möglicherweise für den Musikbereich entfernt stehender Publikationsformen (z. B. Amtsblätter) und zeigte praxisnahe Modelle zur Formulierung von Pressemitteilungen auf. Kolb empfahl ferner den regelmäßigen persönlichen Dialog mit zuständigen Redakteuren, beispielsweise durch Redaktionsbesuche oder Pressekonferenzen.

Im Schlussplenum, welches musikalisch durch den Carl-Orff-Chor Marktoberdorf eröffnet worden ist, wurden die folgenden Anregungen und Zukunftsperspektiven formuliert:

 

1.      Die Tendenz, Nachrichtensendungen im Fernsehen mit „der guten Nachricht zum Schluss“ zu beenden, sollte auch für Kulturnachrichten Anwendung finden. BMR-Vizepräsident Peter Jacobi als Vertreter der Musikorganisationen im BR-Rundfunkrat wurde gebeten, bei der Nachrichtenredaktion einen Vorstoß zu unternehmen, Meldungen aus dem Kulturbereich hier einzubeziehen.

 

2.      Medienkompetenz hat für die Musikpädagogik zentrale Bedeutung. Mediale Kompetenz sollte daher innerhalb der Wahlpflichtfächer für angehende Schulmusiker und Instrumentalpädagogen in der Ausbildung vermittelt werden. Der Studiengang „Musikjournalismus“ sollte verpflichtendes Modul werden. Außerdem sollten für die Lehrkräfte verpflichtende Fortbildungsveranstaltungen sicherstellen, dass die Medienkompetenz mit der medialen Entwicklung und Realität Schritt hält.

 

3.      Die kommunalen Sachaufwandsträger sollten für eine angemessene Ausstattung der Musikunterrichtsräume im Hinblick auf die differenzierte Einbeziehung der Medien, insbesondere des Internets, sorgen. Es ist problematisch, wenn die Kinder und Jugendlichen im Musikunterricht an den Schulen mit einer technischen Ausstattung unterhalb jener, wie sie sie von zuhause gewohnt sind, konfrontiert werden.

 

  1. Der Bayerische Musikrat wird gebeten, das in den Mitgliedsverbänden vorhandene Potential für die Medienarbeit weiterhin zu kommunizieren, über best practice-Beispiele zu informieren sowie bei Nachfrage Kontakte zu jenen Verbänden herzustellen, die bereits über weitreichende Kompetenzen innerhalb der Medienarbeit verfügen, Fortbildungsveranstaltungen zur praktischen Medienarbeit zu initiieren und sich gegenüber der Politik dafür einsetzen, dass auch an anderen Ausbildungsstätten Studiengänge nach dem Vorbild der Hochschule für Musik und Theater München zum Musikjournalismus im öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk eingeführt werden.
Prof. Dr. Wolf-Dieter Ring (BLM), Dr. Ulrich Leisinger (Mozarteum Salzburg), Dr. MIchael Schmidt (BR) und Frizz Lauterbach (HfMuTh München)
Podiumsdiskussion mit Jürgen Seeger (BR), Dr. Jörg Riedlbauer (BMR), Laszlo Molnar (Bay. Fernsehen) und Theo Geißler (nmz)
 
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